Palmöl, Kopra, Kautschuk:
Koloniale Spuren in Harburg
Von Gordon Uhlmann

Harburg an der Süderelbe, einst selbständige Stadt, 1937 einverleibt in "Groß-Hamburg", ist voller Spuren mit kolonialen Bezügen. Sie reichen weiter zurück als in die Zeit unmittelbarer Kolonialherrschaft des Deutschen Kaiserreichs 1884-1918, während der Gebiete Afrikas, der Südsee und an der Küste Chinas von der vielfachen Größe des Deutschen Reiches ­ insgesamt rd. 2,5 Mill. qkm ­ kolonial unterworfen wurden. Zugleich führen sie ­ als koloniale Prägungen der Globalisierung ­ bis in die Gegenwart. Diese Spuren sind in Harburg in nahezu einzigartiger Dichte und Erlebbarkeit erhalten, konzentriert rund um die Harburger Schlossstraße, die Schlossinsel und den Harburger Binnenhafen. Der Wahrnehmungspfad führt von der Schlossstraße zur Schlossinsel. Er passiert Fabriken und Lagergebäude, Kaufmannshäuser und Fabrikantenvillen, Hafenanlagen und Kanäle, Straßenschilder und Firmenzeichen, aber auch Kasernenstandorte, Exerzierplatz oder Pionierinsel.

Harburg ­ bis 1866 zum Königreich Hannover gehörig, danach zu Preußen ­ war bereits um 1860 der größte Industriestandort für die Kautschuk- und Palmölverarbeitung in Deutschland, der auch international bald eine Spitzenstellung errang. In Harburgs Palmkernölfabriken wurde um 1890 mehr als ein Drittel der gesamten nach Europa importierten Menge an Palmkernen verarbeitet. Wert- und mengenmäßig landete in Harburgs spezialisierten Fabriken um 1900 zeitweise der größte Teil eingeführter Rohstoffe aus den reichsdeutschen Kolonien: neben Palmöl und Palmkernen vor allem Kokosnussöl und Kopra, neben Kautschuk auch Guttapercha.

Im Stadtraum um die Harburger Schlossstraße, der ältesten Siedlungszeile, wird der komplette Umbau einer ganzen Stadt für eine Industrialisierung basierend auf der massenhaften Verwertung tropischer Ressourcen sichtbar. Ausgehend von strukturell ungleichen, kolonial geprägten Handelsformen bildeten kaum überschaubare Mengen Palmkerne und Kautschuk aus Übersee den Stoff, ohne den Harburgs spezifische Industriedynamik nicht denkbar wäre. Die Verarbeitung dieser vielseitig als Rohstoff für Nahrungs- und Genussmittel, Technik- und Alltagsprodukte verwendbaren Kolonialwaren katapultierte Harburg in kurzer Frist in die Hochindustrialisierung, einhergehend mit der Umwidmung des alten Stadtkerns. Parallel zur dadurch rasant gesteigerten ökonomischen Bedeutung der Stadt wuchs Harburgs Bevölkerung von nur 5.000 Einwohnern um 1850 auf bereits 50.000 um 1900. Harburgs älteste Siedlungszeile - die Schlossstraße - wurde raumgreifend durch Fabrikbauten der Palmöl- und Kautschukindustrie umstellt und bald überformt. Der umfassende Umbau machte auch vor der Harburger Schlossinsel und dem Schloss als Keimzelle Harburgs nicht halt.

Frühe Spuren der Verarbeitung von Kolonialwaren in Harburg

Frühe Spuren der Verarbeitung von Kolonialwaren verweisen vor allem auf Zucker und Tabak, Indigo und Baumwolle. So entstand hier 1704 eine Tabakmanufaktur, 1733 eine Zuckersiederei. Sie verarbeitete Rohrzucker vor allem von Sklavenplantagen der Karibik und Brasiliens. Markante Bruchstücke der Keramikformen für Zuckerhüte fanden und finden sich noch im Schlick der Harburger Hafenbecken und Kanäle. Nur noch wenig erinnert an die Standorte der Kattunbleicherei und Kattundruckerei. Doch das denkmalgeschützte Bornemannsche Fachwerkhaus in der Schlossstrasse, einst Betriebsstätte einer Blaufärberei, verweist auf die lokale Verwendung von Indigo für das Färben. Das Harburger Lager- und "Kaufhaus" verzeichnete nach 1740 einen Boom im Umschlag nicht zuletzt von Rohrzucker und Tabak, aber auch von anderen Kolonialwaren wie Kaffee und Kakao, Reis und Gewürzen. Deren Konsum war Ende des 18. Jahrhunderts längst auch in mittelständischen Familien Harburgs gang und gäbe. Gewichtiger für den Umschlag war aber die Weiterbeförderung ins südliche Umland und nach Hannover, mitunter auch Richtung Sachsen und Thüringen. Das von den vorindustriellen Harburger Lagergebäuden am Wasser noch erhaltene, zwischenzeitlich umgesetzte "Kaufhaus" von 1827 am Kaufhauskanal erinnert an diesen Umschlag. Es ist heute das älteste erhaltene Hafengebäude im gesamten Stadtstaat Hamburg, ein Baudenkmal, das bislang noch viel zu wenig gewürdigt wird.

Kolonialspuren zur Industrialisierung

Die Kautschukspuren zur "Take off"-Phase der Harburger Großindustrie ab 1856 sind prägnant. Sie führen besonders zu den Ursprüngen der Harburger Gummi-Kamm Compagnie, der ersten Hartkautschukfabrik in Deutschland, und zur Fabrik der Brüder Cohen für Weichgummi, die ab 1872 als "Vereinigte Gummiwaren-Fabriken Harburg-Wien" firmierten, den späteren Phoenix-Werken. Ebenso prägnant sind die Palmölspuren zum außergewöhnlichen Industrieaufschwung. Am Lauenbrucher Deich, direkt an der Süderelbe, finden sich noch Gebäudeteile der 1859 von der Firma G.L. Gaiser & Co. eröffneten Palmkern- und Kokosölfabrik, die Harburgs bedeutende Palmölindustrie begründete. Bereits seit Ende der 1840er Jahre betrieb der Kaufmann Gottlieb Leonhard Gaiser einen bald expandierenden Handel mit Palmöl aus Westafrika. Seine Firma unterhielt schließlich 30 Faktoreien an der westafrikanischen Küste und 15 tiefer im Inland. Dabei stützte sich G.L. Gaiser auch vielfach auf britische und französische Kolonialstrukturen, brachte 1885 zwischenzeitlich selbst einen Küstenstreifen in der Bucht von Benin in Firmenbesitz (gegen 5 Stücke Seide, 100 Kisten Genever, 5 Fässer Rum und diverse "Geschenke" wie 1 Spieluhr, Gesamtwert 355 Pfund Sterling), und die Firma forcierte und nutzte zugleich die deutsche Kolonialherrschaft ­ so in Kamerun, mit eigener "Plantation".

Wegen der von Gaiser in seinem Betrieb an der Süderelbe erzielten hohen Gewinne folgten in Harburg bald weitere seinem Beispiel, so Friedrich Thörl, der ein industrielles Palmölimperium aufbaute, dessen Umfang noch heute etliche Fabrikgebäude, Silos und Lagerhäuser zwischen Schlossstraße, Schlossinsel und Seehafen dokumentieren, darunter der 1878 gebaute, zunächst als Salpeterfabrik genutzte, mehrfach erweiterte "Palmspeicher". Auch am Schellerdamm, der ehemaligen Bahnhofstraße, reihten sich Palmöl verarbeitende Betriebe wie ab 1863 Heins & Asbeck sowie Standorte von Kaufleuten, Spediteuren und Schiffsmaklern, die im Frachtgeschäft für die Palmkern- und Kokosölfabriken engagiert waren.

Kautschuk, Kopra und Palmfett prägten auch die anderen Industriezweige Harburgs stark. So wurden hier viele Spezialmaschinen, Pressen und Walzen für die Palmöl- und Gummiindustrie hergestellt. Im Harburger Hafenbezirk finden sich noch heute Betriebe mit dieser Ausrichtung. Die auf der Schlossinsel eingerichtete Werft baute kleine, zerlegbare Spezialschiffe für die Palmöl und Kautschuk einsammelnden Handelsstützpunkte an tropischen Küsten und zur Überladung auf große Frachtschiffe. Der verbliebene westliche Schlossflügel wurde um 1900 kurzerhand zur Mietskaserne für die Werftarbeiter umgebaut. Unweit davon entstand ein weiterer Palmölbetrieb Thörls als "Fabrik Citadelle".

Die 1883 auf der Wilstorfer Feldmark gegründete Jutefabrik zählte bald rd. 1.450 Beschäftigte, davon 70% Frauen. Sie lieferte zum großen Teil Säcke und Packstoffe für die Harburger Kautschuk- und Palmölindustrie. Das Spinnerei- und Webereigebäude des in Harburg nur "die Jute" genannten Großbetriebs ist zerstört, doch an der Nöldekestraße sind u.a. noch die einstigen Lagergebäude für die Rohjute und für die fertigen Waren erhalten. Spuren führen auch dorthin, wo die Arbeiterinnen wohnten, zum Fuß des Reeseberges und zum Krummholzberg, dem erst später so genannten Phoenix-Viertel.

Politische Kolonialspuren

Politische Kolonialspuren führen direkt ins Harburger Rathaus. Als Harburger Senatoren waren Protagonisten der Palmkern- und Kautschukindustrie wie Friedrich Thörl und Carl Maret auch direkt an der politischen Umsetzung ihrer Interessen gegenüber anderen Anliegen der Stadtentwicklung beteiligt. Harburgs politische Vertreter zählten sich im Kaiserreich durchweg zu den Nationalliberalen, d e r reichsdeutschen Kolonialpartei schlechthin. Ihr einflussreichster Reichspolitiker, Rudolf von Bennigsen, glühender Verfechter kolonialer Expansionsziele, wurde Oberpräsident der Provinz Hannover und förderte in dieser Funktion die angebahnte wirtschaftliche Ausrichtung Harburgs und speziell die Interessen der koloniale Rohstoffe verarbeitenden Großbetriebe nach Kräften. Mitten durch Harburg führt eine Straße, die seinen Namen trägt. Eine eigene Harburger Abteilung der Deutschen Kolonialgesellschaft (DKG) wurde bereits 1887 - neun Jahre vor der entsprechenden Abteilung in Hamburg ­ gegründet. Mit Heinrich Denicke, zunächst Stadtsyndikus und Sekretär der Handelskammer, übernahm hier ab 1899 Harburgs Bürgermeister selbst den Vorsitz. Regelmäßig berichtete die von der DKG herausgegebene Deutsche Kolonialzeitung - Vorzugslektüre der Harburger Kautschuk- und Palmölfabrikanten - über die Anlage neuer Öl- und Kokospalmplantagen, über die großen Guttapercha- und Kautschuk-Expeditionen in Neuguinea oder "das Arbeitermaterial" in den deutschen Kolonialgebieten.

Kolonial-militärische Spuren

An kolonial-militärischen Spuren stoßen wir z.B. auf den "Verein ehemaliger China- und Afrika-Krieger Harburg", der als Traditionsverband ab 1907 Kolonialoffiziere und -soldaten organisierte, die - ausgebildet auf den Exerzierplätzen Harburgs - insbesondere an der blutigen Niederschlagung der antikolonialen Aufstände in Ostafrika, Südwestafrika und China beteiligt waren, u.a. unter der Führung der Kolonialoffiziere Hermann von Wissmann und Lothar von Trotha. Davon zeugen auch in Privatbesitz befindliche ehrende Abzeichen, die im Zentrum den Reichsadler mit ausgebreiteten Schwingen zeigen, der einen bereits auf dem Rücken liegenden Drachen erlegt, darüber die uniformierte Kopfbedeckung der deutschen Kolonialtruppen.

Vor dem Harburger Rathaus fanden anlässlich der Entsendung von Kolonialtruppen nach Übersee wiederkehrend Paradeaufmärsche statt, so 1905 anlässlich der Ablösung des China-Korps durch ein "frisches" Harburger Pionier-Bataillon. Diese Verknüpfungen Harburgs mit kolonialen Kriegsschauplätzen lassen sich im Stadtraum noch in einstigen Kasernenstandorten, Exerzierplätzen und der "Pionierinsel" verorten.

Gaisers Generalagent in Westafrika, Eugen Fischer, notierte aus Sicht des Kolonialkaufmanns: "Die Herren, die den Ankauf der Produkte, Palmkerne und Palmöl, vorzunehmen haben, nehmen sich hierfür ihre besonders geeigneten Crewboys (...). Es ist sehr interessant, wie die Neger ihre Palmkerne in Säcken auf den Köpfen heranbringen." Wo die als "Eingeborene" titulierte Bevölkerung wie die Epe Widerstand gegen die Untergrabung des eigenständigen Handels durch das Vordringen der Gaiser-Faktoreien leistete, wurde mit Kanonendonner die Drohkulisse der Macht vorgeführt, um den geforderten "Respekt einzuflößen". Bei Drohungen blieb es nicht. Gaisers Generalagent in Westafrika, Eugen Fischer, notierte dazu: "1892 galt es gegen einen Stamm zu kämpfen und die Ordnung herzustellen, ferner gegen Benin, wo ein König () den Handel der Weißen schädigte, aber beide Angelegenheiten wurden bald erledigt."

Durch jenen Eugen Fischer als Vertreter der Fa. Gaiser gelangten 1882 von Porto Novo und Lagos aus auch westafrikanische Holzmasken, Speere, Schilder und Pfeile als "Kuriositäten" und "Kunstgegenstände" "nach Harburg ins dortige Museum", von wo sie später dem Hamburger Museum für Völkerkunde übertragen wurden.

Harburg in Südafrika

Koloniale Siedlungsspuren führen von der Süderelbe nach Harburg in Südafrika nordöstlich von Pietermaritzburg, wo in den 1880er Jahren Siedler aus dem Umkreis Harburgs und der Nordheide in der "Neu Hannover" benannten Gegend Land beanspruchten, eine deutschsprachige Gemeinde gründeten und den Ort 1893 auf Veranlassung des bis 1906 amtierenden, ersten Pastors "Harburg" nannten. In unmittelbarer Nähe, in Nsuze, fand 1906 eine der Schlachten während der Bhambatha Rebellion statt, die am Beginn des antikolonialen Befreiungskampfes in Südafrika steht.

Gedenken im Straßenraum

Zu Harburgs tonangebenden "großen Männern" im Geschäft mit Kautschuk und Guttapercha, Kopra, Palmöl oder Rattan, die zugleich in lokalen Straßennamen "verewigt" wurden, gehören Gaiser, Thörl, Meyer, Traun, Mergell, Maret, Noblée, Francke, Asbeck, Hoff, Ritter und Rost.

Bei der Überquerung der Friedrich-List-Straße werden wir einerseits an den Wegbereiter des Deutschen Zollvereins erinnert, andererseits an den Verfechter kolonialer Expansion nach Übersee, der 1843 schrieb: "Wer an der See keinen Anteil hat, der ist ausgeschlossen von den guten Dingen und Ehren der Welt.“ Eine Nation ohne Seefahrt und Kriegsflotte sei ein "zahnloser Löwe".

Auffällig fehlt demgegenüber im Stadtbild der Name eines bedeutenden Harburgers, der imperiale Ansprüche und jeden Eroberungskrieg kritisierte und nachdrücklich für Völkerverständigung eintrat, Theodor York. Der frühe Organisator der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung sprach sich 1871 während des deutsch-französischen Kriegs für einen gerechten Frieden mit Frankreich und gegen die "servile Verherrlichung des Massenmordes" aus und landete im Verließ des Harburger Schlosses. Derweil feierten Harburgs Nationalliberale die "Früchte des Sieges" über den "Erbfeind" und Deutschlands angebliche Rettung vor "der Überschwemmung mit afrikanischen Horden", womit sie in Nordafrika rekrutierte Angehörige französischer Schützenregimenter meinten.

Harburgs koloniale Spuren sind vielfach verknüpft mit dem ganzen Unterelberaum

Die Städte an der Unterelbe bildeten einen früh vernetzten, auf den Handel mit überseeischen Kolonialwaren und ihre Verarbeitung besonders ausgerichteten Wirtschaftsraum. Im Kolonialwarengeschäft akkumulierten eingesessene wie zugewanderte Überseekaufleute hier große Kapitalien und bauten mächtige Handelshäuser auf. Auf der Suche nach lukrativen Anlageformen des Kapitals agierten die Kaufleute und bald spezialisierte Wirtschaftsakteure über Landes- und Ortsgrenzen hinweg, nutzten Standortvorteile in Hinblick auf Steuern und Zoll, Infrastruktur und Grundstückspreise, Arbeitskräfte und Löhne und schürten als frühe "Global Players" auch die Konkurrenz der Städte. Harburg erhielt nach dem Dockhafenbau (bis 1849) mit Eisenbahnanbindung (schon 1847) und vor allem seit dem Beitritt des Königreichs Hannover zum Zollverein 1854 eine spezifische Bedeutung in diesem Geflecht als großindustrielles Pionierterrain mit der bis heute fortgeführten Verarbeitung hoch geschätzter, aber billig eingeführter Überseerohstoffe.

Bei den in Harburg verarbeiteten tropischen Rohstoffen handelt es sich um gigantische Mengen, die aufgehäuft den Gesamtbereich um den Harburger Binnenhafen zwischen Karnapp und Süderelbe, Nartenstraße und Ziegelwiesenkanal allein mit Palmkernen viele Meter hoch überdecken würden. Die Spuren der überseeischen Warenströme stecken hier buchstäblich in den Ritzen vieler Gebäude und im Hafenschlick.

Doch auch aktuell hinterlassen sie Spuren. So lautete Mitte August 2005 eine dpa-Meldung aus Harburg: "Ausgelaufenes Palmöl hat die Bundesstraße 73 im Süden von Hamburg am Montagmorgen auf mehreren Kilometern in eine Rutschbahn verwandelt." Das Palmfett aus einem Tanklastzug, der gerade voll gefüllt aus dem Harburger Seehafenareal kam, hatte sich auch im Asphalt und in den Gummireifen der nachfolgenden Fahrzeuge festgesetzt.

Harburg global

Der Frage, wie die europäische Expansion die Welt veränderte und mit ihr Europa, geht die Forschung seit mehr als einem Jahrzehnt besonders intensiv nach. In Harburg lässt sich dies in der Stadttopographie ablesen. Zwischen Seehafen, HOBUM-Fabrik, Palmspeicher und dem Fabrikkomplex der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie kommen wir vielen Fragen der Nord-Süd-Beziehungen und der Globalisierung nahe.

Heute noch bedeutende Harburger Betriebe sind zugleich Schnittpunkte des gegenwärtigen Globalisierungsschubs. Die auf eine Gründung von 1896 zurückgehende HOBUM (Harburger Oelwerke Brinckmann & Mergell) am Ziegelwiesenkanal, aktuell Europas zweitgrößte Fettraffinerie, gehört seit 1998 zum Weltkonzern Cargill. Der Betrieb von Noblée & Thörl an der Seehafenstraße, einer der führenden Produzenten pflanzliche Spezialfette und Öle, ist inzwischen Teil des Weltkonzerns ADM (Archer Daniels Midland). Trotz Raps und Sonnenblumen in der näheren Umgebung: "Palmöl ist und bleibt der bevorzugte Rohstoff. Weil er am billigsten ist." - wie das Hamburger Abendblatt das ADM-Management des Harburger Betriebs zitierte.

Die Geschichte und Stadtentwicklung Harburgs ist spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts kaum anders als in globaler Perspektive zu verstehen. Ein erheblicher Teil der Aufstiegsgeschichte Harburgs als bedeutender europäischer Industriestandort spielt in Westafrika, Ostafrika, Südostasien und Südamerika.

Das Projekt park postkolonial, vorgeschlagen und konzipiert durch die Künstlerin Jokinen und die Initiative park postkolonial, bietet auf mehreren Ebenen eine sinnlich-anschauliche Annäherung und Reflexion der kolonialen und globalen Bezüge, die letztlich den ganzen Unterelberaum einbeziehen - und gerade in Harburg rund um die Schlossinsel auf bis heute erlebbare Spuren und Bauzeugnisse in einzigartiger Dichte verweist. Eine vorgesehene Aussichtsplattform eröffnet Übersichten und Ausblicke über die gewachsenen Strukturen um den Harburger Binnenhafen wie über den früh global verknüpften Kultur- und Wirtschaftsraum der Elbe im Stromteilungsgebiet. Die künstlerisch inszenierende Auseinandersetzung mit vorgefundenen Kolonialmonumenten ist so Ausgangspunkt für vielseitig vernetzte Angebote und Aktivitäten. Diese beziehen bewusst Schulprojekte und transkontinentalen Austausch ein und nicht zuletzt Beiträge von Künstlerinnen und Künstlern in West- und Ostafrika. Das Projekt park postkolonial fördert dazu nachhaltig die öffentliche Debatte und regt dazu an.

Ein seit 2005 laufend weiter ausgearbeiteter, auch zum Harburger Binnenhafenfest angebotener Rundgang folgt den Spuren des Kolonialen und den weltweiten Verknüpfungen rund um die Harburger Schlossinsel ­ eine Zeitreise von der Barockzeit in die Gegenwart. Ankündigungen der Rundgänge ­ auf Anfrage auch eigens für Gruppen ­ finden Sie auf dieser Webseite unter Aktuelles.

Gordon Uhlmann 12/ 2008

 

Konzept park postkolonial von Jokinen

 

Konzept der Initiativgruppe park postkolonial für die Harburger Schlossinsel

Umgenutzter einstiger Schlossflügel auf der Harburger Zitadelleninsel, die um 1900 für expandierende Palmölbetriebe, ihre Hilfsgewerbe und Mineralöl komplett umgewidmet wurde. Die zugleich auf der Schlossinsel eingerichtete Werft baute kleine, zerlegbare Spezialschiffe für die Palmöl und Kautschuk einsammelnden Handelsstützpunkte an tropischen Küsten und zur Überladung auf große Frachtschiffe. Ein geeigneter Ort für das Projekt park postkolonial. (Foto: Jokinen 2006)

Die HOBUM-Fabrik am Ziegelwiesenkanal als Teil der Harburger Kopra- und Palmölindustrie, heute zum Weltkonzern Cargill gehörig. Der im Frühjahr 2007 abgerissene Schornstein mit dem weit sichtbaren Firmenschriftzug HOBUM galt lange als Wahrzeichen Harburgs - wie auch die emittierten Gerüche der Verarbeitung. (Foto: Jokinen 2006)

Fabrikkomplex der "Gummi-Kamm", später "New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie" an der Nartenstraße in Harburg. Nach Verlagerung der Produktion ist der Erhalt des aussagekräftigen Industriedenkmals nicht gesichert. (Foto: Jokinen 2006)

Kautschuk im Produktionsprozess der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie in Harburg im Jahre 2006. (Foto: Jokinen 2006)

Afrikanische Arbeiter und Decksleute platziert zu Füßen der europäischen Kapitäne und Maschinisten der Firma G.L. Gaiser ­ Begründer der Harburger Palmölindustrie - nahe der großen Palmölhandelsfaktorei des Unternehmens bei Lagos Marina in Westafrika, 1885

Abzeichen des "Verein(s) ehemaliger China- und Afrika-Krieger Harburg", der ab 1907 als Traditionsverband Kolonialoffiziere und -soldaten organisierte, die an der Niederschlagung der antikolonialen Aufstände in Ostafrika, Südwestafrika und China beteiligt waren. Es zeigt in der Mitte den Reichsadler mit ausgebreiteten Schwingen, der einen bereits auf dem Rücken liegenden Drachen erlegt, darüber die uniformierte Kopfbedeckung der deutschen Kolonialtruppen mit Kokarde.

Der für verschiedene Funktionen vielfach umgebaute einstige Schlossflügel auf der "Citadellen-Insel" weist zahlreiche Schichten erhaltenswerter Spuren der unterschiedlichen Nutzungen auf. Der Bau diente nicht nur als Residenz oder Teil der Barockfestung, sondern auch als Amtshaus und als Gefängnisverließ, in dem 1871 auch Theodor York, der bedeutende Harburger Organisator der Arbeiterbewegung landete, weil er imperiale Eroberungen öffentlich krititisierte und für Völkerverständigung eintrat (s. Text). Um 1900 wurde das Gebäude umgebaut zur "Mietskaserne der hier eingerichteten "Schloss-Werft", die sich auf Kleinschiffbau, besonders geeignet für den Einsatz an tropischen Küsten und Flussläufen, spezialisierte - wie z.B. in Westafrika mit seinen im Kolonialjargon "Ölflüsse" genannten Wasserläufen, auf denen Palmöl vor allem an die "Goldküste" und "Sklavenküste" zur Übernahme durch Überseefrachtschiffe transportiert wurden. (Foto: Jokinen 2006)

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