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Autor: Frank Schlinzig
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Es ist insbesondere "unser" Problem, wie wir in Deutschland mit unserer Vergangenheit umgehen, uns ihr stellen. Dabei hat der Kolonialismus ja einen euoropäischen Umfang, wir sind damit nicht allein, haben aber einen Vorteil und konntendie Auflösung der ehem. deutschen Kolonien anderen überlassen.
Der Ausdruck "Denkmal" steht für sich und muß, auch wenn die Ansicht vom früherem Zeitgeist her etwas anderes vermitteln will, nicht der Glorifizierung dienen. Es ist die Anregung zum Nachdenken schlechthin und die Übertragung in heutige Sichtweise. Mit dem Stürzen und Beschädigen (Vandalismus), dem Verstecken entzieht man sich nur optisch der Auseinandersetzung mit der Historie.
Es gibt in Europa viele Denkmäler, die eben ihre Funktion als solche verrichten und aus "Ihrer Zeit" hinausgewachsen sind, somit in Frage gestellt werden könnten. Eine Funktion behalten sie aber dennoch: das Auseinandersetzen mit der Vergangenheit und die Fragestellung, was wir aus dem Wissen um den Hintergrund für uns persönlich und für die Gesellschaft heute erkennen können. Und das muß nicht immer angenehm sein. Nur: das Bespritzen mit Farbe ist Kinderkram, pupertäres Verhalten, und wird den Geschehnissen in den Kololien, so eben auch der erfolgten Unterdrückung der dortigen Bevölkerung durch "Fremde", in dieser Form nicht gerecht.
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Autor: Arne Schöfert
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Ein guter Beitrag, der Ansatz die Funktion eines Denkmals vom ursprünglichen ideologischen Hintergrund zu befreien und heutigen Betrachtern das Kunstwerk einfach als Ansatzpunkt, als Anregung zum Nachdenken anzubieten.
Keine Zerstörung, sondern nutzen für aktive Geschichts- und Gesellschaftskunde.
Finde ich sehr gut formuliert, Herr Schlinzig.
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Autor: Rupprecht Mann
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Der Denkmalsturz gehört zum Denkmal genauso wie seine Verehrung.
Ihn gab es schon immer. Er ist die Demonstration des Willens einer gesellschaftlichen Gruppe. Die einen (z.B. die Kolonialbefürworter) errichten Denkmäler, die anderen (z.B. die SDS-Studenten) stürzen sie. Wer hat nun recht?
Am Wissmann-Denkmal sieht man es: beide Ereignisse haben seinerzeit die Mehrheit der Bevölkerung nicht die Bohne interessiert.
Es ist wohl ein Unterschied, ob man heute ein Denkmal, das eine schlimme Zeit symbolisiert, stehen lässt und verehrt oder ob man es im Keller verschwinden lässt oder umgestaltet oder ein Gegendenkmal errichtet. Die Symbolik ist jeweils eine andere und drückt aus, was in der jeweiligen Zeitepoche als richtig empfunden wird.
Es ist weiterhin ein Unterschied, ob der Askari zu Wissmann hochschaut oder in den Himmel.
Es gibt grundsätzlich keinen "richtigen" Umgang mit Denkmälern, sondern Prozesse. Es ist immer auch eine Kontextfrage. Insofern bin ich gar nicht einverstanden mit dem obigen Beitrag.
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Autor: Uwe Niederdraeing
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Allerdings ist die Beschaedigung des Wissmann-Denkmals eine gesetzeswidrige Tat gewesen, und von daher schon nicht nicht gerechtfertigt. Hie kann auch nicht mit Widerstandsprinzip od. uebergesetzlichem Notstand argumentiert werden.
Die SDSler haben mit ihrer mutwilligen Zerstoerung der Anschauung "Gewalt gegen Sachen / Gewalt gegen Menschen" (ersteres sei angeblich in Ordnung) Ausdruck verliehen. Es handelt sich hierbei aber um eine extrem demokratiefeindliche Auslegung von moral als "Faustrecht". Denkmalstuerze
nach Art der franzoesischen Revolution, der Oktoberrevolution oder der Kulturrevolution koennen doch wohl nicht als Inspiration fuer das Verhalten zivilisierter Menschen herhalten.
Erinenrt sei ausserdem an die zerstoerten Buddha-Statuen in afghanistan, Buecher-Verbrennungen im Dritten Reich und Bilderstuermereien im Mittelalter, die Zerstoerung "heidnischer" Heiligtuemer, die Ausschreitungen in Rumaenien zur Wende. Eine sachliche Auseinandersetzung findet nicht statt. Dem Beschuldigten wird keine Gelegenheit zur Verteidigung gegeben.
Dazu: Schiller
Der Meister kann die Form zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,
Doch wehe, wenn in Flammenbächen
Das glühnde Erz sich selbst befreit!
Blindwütend mit des Donners Krachen
Zersprengt es das geborstne Haus,
Und wie aus offnem Höllenrachen
Speit es Verderben zündend aus;
Wo rohe Kräfte sinnlos walten,
Da kann sich kein Gebild gestalten,
Wenn sich die Völker selbst befrein,
Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.
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Autor: Rupprecht Mann
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Genauso gewalttätig (oder pubertär oder partikulär) kann es sein, ein Denkmal zu errichten. Erinnert sei an Hitler- und Stalinstatuen, Saddam und Co. Diese Errichtungen waren demokratiefeindlich, nicht die Stürze. Und es kann doch nicht ernsthaft behauptet werden, dass es keine "zivilisierten" Menschen waren, die die o.a. Denkmäler gestürzt haben.
Auch waren die französischen Revolutionäre genauso "zivilisiert" wie die Bolschewiki. Und wie sollten die Rumänen noch "sachlich" bleiben bei all der Gewalt, die ihre Denkmäler hinterlassen hatte? Hätten sie denn da noch den Beschuldigten fragen müssen, ob er sich verteidigen möchte? Hätten sie die Gesetze des schlimmen Regimes einhalten müssen?
Es gibt Momente, da fragt keiner mehr nach Gesetzen, es will sich keiner mehr mit den Menschen, die in den Denkmälern abgebildet sind, auseinandersetzen. Das Maß ist einfach voll. So ist der Fortgang der Geschichte. Ein Denkmal ist doch kein Selbstzweck.
A propos: Schiller war ein Anhänger der Französischen Revolution.
Das Gedicht ist auch nicht eindeutig so, wie Sie es sich zulegen.
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Autor: Uwe Niederdraeing
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> Erinnert sei an Hitler- und Stalinstatuen, Saddam und Co.
Hitler wollte keine Statuen von sich selbst, deswegen gab es keine Hitlerstandbilder in Deutschland, aber trotzdem natuerlich eine Menge nationalsozialister Monumente und Bilder. Im Falle nationalsozialistischer Denkmaeler (z.B. Reichsparteitagsgelaende in nuernberg, heldenmausoleen in Berlin) und im Falle der Saddam-Husein-Standbilder kam die Gewalt gegen die Standbilder nicht vom anscheinend oder tatsaechlich unterdrueckten Volk sondern durch einen fremden Eroberer, der damit seinen Anspruch gegenueber dem besetzten Gebiet demonstrierte, nach "Persepolis-Prinzip"
(Brenne die Herrschaftssymbole deines Feindes nieder!)
Was die Standbilder, Gemaelde o.ae. von Stalin betrifft, so wurden diese ebenso absolut von der Staatsgewalt gesetzt wie entfernt und folgten damit einem dem real-existierenden sozialismus ganz eigenen Zyklus von Verehrung und Veraechtlichmachung.
Schon Stalin selbst liess nach Machtuebernahme alles Erdenkliche Bildmaterial sicherstellen, dass Trotzki zeigte und begruendete selbst den Lenin-Kult.
Alle drei Diktatoren/Diktaturen setzen eine bis dato unbekannte Form der Propaganda ein, die untereinander vergleichbar ist, vielleicht auch mit den Kaiserstatuen im Roemischen Reich, aber schon durch Anzahl (massenhaft, im falle Hitlers zumindest Portraeits), keinerlei Einzelereignis, an das ge"dacht" werden soll, sondern die Omnipraesenz des Fuehrers, und nur des Fuehrers, auch in Form seines dahingeschiedenen Vorgaengers (Lenin fuer Stalin, Kim-Il Sung fuer Kim Yong Il, Augustus fuer seine Nachfolger).
Jede der bezeichneten Personen ist ein Tyrann, ein Gewaltherrscher, was nicht identisch ist mit einem "undemokratischen" Herrscher, sondern darueber weit hinausgeht, wie ausserhalb der KPD jeder weiss.
Die Statuen und Figuren erfuellen ueber den Zweck der Beherrschung hinaus keinen Eigenzweck.
Im Gegensatz dazu stehen etwa in dersleben Zeit entstandene KZ-Gedenkstaetten im Sowjtreich (zum Vergleich). Die KZ-Gedenkkultur der Sowjetunion instrumentalisiert zwar genauso das Erinenrn (hier treffen wir unds mit dem Wissmann-Standbild, Verherrlichung des Kolonialismus, in Salaspils steht demgegenueber etwa im ehemaligen KZ die Statue "Rotfront"), weist aber als Denkmal auch auf ein bestimmtes Einzelereignis hin und erlaubt so eine spaetere kritische Beleuchtung, Neuinterpretation.
Freilich sind auch hier die Grenzen fliessend, insbesondere, wenn eine massenhafte Anhauefung bestimmter Denkmaeler zu einem Thema auftritt (z.B. nahezu keine Stadt in der DDR ohne "Opfer-des-Faschismus-Platz").
Zwei Wissmann-Denkmaeler in Deutschland, wieviele Kolonialdenkmaeler in Deutschland?
> Und es kann doch nicht ernsthaft behauptet werden, dass es keine "zivilisierten" Menschen waren, die die o.a. Denkmäler gestürzt haben.
Im Falle der Saddam-Husein Statue in Bagdad kann man trocken feststellen, dass sie von amerikanischen Soldaten eingerissen wurde und sich 0,0 Prozent Volkswille darin artikuliert hat. Die Werbeagentur TRC hat diesen "Gig" geplant, inklusive bestellten Jublpersern.
Die einrollenden Panzer wuerde ich jedenfalls mit starken Zweifeln als Sendboten der Demokratie bezeichnen.
Selbiges gilt auch fuer die anderen Beispiele (Drittes Reich, UdSSR-Stalin).
Die Franzoesische Revolution, Rumaenien nach der Wende, Afghanistan unter den Taliban, "christliche" Missioare und andere Beispiele - da bleibe ich im uebrigen dabei. Kein demokratisches, nicht mal zivilisiertes Verhalten, sondern willkuerliche Wut (deswgen Schiller-Zitat)
> Hätten sie denn da noch den Beschuldigten fragen müssen, ob er sich verteidigen möchte? Hätten sie die Gesetze des schlimmen Regimes einhalten müssen?
Den Beschuldigten zu fragen, ob er sich verteidigen moechte, bzw. ihn sogar, wenn er es nicht moechte zu verteidigen, dass sind nicht die Gesetze des "schlimmen Regimes", sondern die regeln des Rechtsstaats. Ohne Rechtsstaat gibt es keine Demokratie. jemanden zu verurteilen, ohne Prozess, kannn niemals richtig sein, denn wer eiss, vielleicht, ja vielleicht trifft es ja sogar, auch wenn man es gar nicht glauben kann, einen UNSCHULDIGEN. Das kann man aber vorher nicht wissen, und die, die sich schon vorher ganz, ganz sicher sind, die sind befangen. In dubio pro reo oder so was?
> Es gibt Momente, da fragt keiner mehr nach Gesetzen, es will sich keiner mehr mit den Menschen, die in den Denkmälern abgebildet sind, auseinandersetzen. Das Maß ist einfach voll. So ist der Fortgang der Geschichte. Ein Denkmal ist doch kein Selbstzweck.
Dem ist unbeschraenkt zuzustimmen. Mit dem Fortgang der Geschichte ist aber keine moralische Legitimation verbunden. "Das ist zwar so", aber es ist deswegen noch nicht gut.
Es gibt Momente, da fragt ein Mensch nicht mehr nach den Gesetzen, er laesst einfach die Sau raus! Er will sich nicht mehr mit dem Menschen, dem er den Kopf abschlaegt, auseinandersetzen.
Seltsam nur, dass dieses Verzweiflungsrecht immer (auch) diejenigen in Anspruch nehmen, denen es am besten geht, bafoeg-empfangende, im kuscheligen ueberfuetterten Nachkriegsdeutschland mit Intellektuellen-Wehwehchen aufgewachsene, aber im Herzen ganz dolle mit Che Guevarra oder den geknechteten Afrikanern solidarische Halbwuechsige, die sich zwanzig Jahre spaeter einen Sch***dreck um Afrika scheren, waehrend "der Reiter von Suedwest" in Windhoek noch so vor sich hintrottet.
Ne Menge Widersprueche...
> A propos: Schiller war ein Anhänger der Französischen Revolution.
Er hat die Franzoesische Revolution gehasst, seit er ihr wahres Gesicht erkannt hat. Evolution statt revolution, war Schillers Credo. das nimmt nicht aus, dass er bis zum beginn der Schreckensjahr tatsaechlich Sympathien gehegt hat, aber wie gesagt, bis zum beginn der Schreckenszeit. Aehnliches laesst sich zu vielen Maennern ueber viele Revolutionen sagen. Seine massgebliche Meinung sei hier nochmal aus derselben "Glocke" zitiert:
Freiheit und Gleichheit! hört man schallen,
Der ruhge Bürger greift zur Wehr,
Die Straßen füllen sich, die Hallen,
Und Würgerbanden ziehn umher,
Das werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz,
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
Sich alle Bande frommer Scheu,
Der Gute räumt den Platz dem Bösen,
Und alle Laster walten frei.
Gefährlich ist's, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.
Weh denen, die dem Ewigblinden
Des Lichtes Himmelsfackel leihn!
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
Und äschert Städt und Länder ein.
(von gutenberg.de)
Laesst das an Eindeutigkeit missen?
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Autor: Rupprecht Mann
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- "Den Beschuldigten zu fragen, ob er sich verteidigen moechte, bzw. ihn sogar, wenn er es nicht moechte zu verteidigen, dass sind nicht die Gesetze des "schlimmen Regimes", sondern die regeln des Rechtsstaats. Ohne Rechtsstaat gibt es keine Demokratie. jemanden zu verurteilen, ohne Prozess, kannn niemals richtig sein, denn wer weiss, vielleicht, ja vielleicht trifft es ja sogar, auch wenn man es gar nicht glauben kann, einen UNSCHULDIGEN. Das kann man aber vorher nicht wissen, und die, die sich schon vorher ganz, ganz sicher sind, die sind befangen. In dubio pro reo oder so was?"
- "Es gibt Momente, da fragt ein Mensch nicht mehr nach den Gesetzen, er laesst einfach die Sau raus! Er will sich nicht mehr mit dem Menschen, dem er den Kopf abschlaegt, auseinandersetzen."
-> Seltsam an Ihrem obigen langen Beitrag ist, wie Sie historische Person aus Fleisch und Blut und Denkmal vermengen.
-> Eine schlichte Frage, verbunden mit der Hoffnung, eine kurze Antwort zu bekommen: Gesetzt den Fall, Sie wären ein Schwarzafrikaner, gar aus Tanzania. Wie würden Sie sich fühlen angesichts des Wissmann-Denkmals?
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